Kapitel 3

Der Blutsbund zwischen Menschen in der Bibel

In der Bibel finden wir alle erwähnten Anlässe und Gründe um einen Bund zu schließen wieder. Die Bundesberichte schildern uns verschiedene wichtige Einzelheiten, aus denen man deutlicher erkennen kann, wie die Israeliten ihre Bündnisse abschlossen. Die eigentliche Handlung des Bundschneidens wird aber, wie schon erwähnt, nicht beschrieben.

Um eine bleibende Bundeserinnerung zu schaffen, gab Abraham bei einem Geschäftsbund, den er mit Abimelech schnitt, dem König der Philister als Bundeszeichen sieben Schaflämmer und pflanzte am Ort der Bundesschließung einen Baum (1. Mose 21, 22 – 33). Auf diese Weise wurde eine bleibende Bundeserinnerung geschaffen. Auch bei anderen Völkern ist das Pflanzen eines Baumes als Erinnerungsmal bezeugt. Aus gleichem Grund wurden auch Steinmale errichtet

Bei dem Friedensbund, den Jakob und Laban miteinander schnitten, wurde z.B. solch ein Steinhaufen errichtet. Die Bundespartner hielten dort auch ein Bundesmahl. Das Bundesmahl schloß für gewöhnlich das Bundesritual ab. Durch die gemeinsame Teilhabe am Mahl wurde noch einmal die neu entstandene Einheit unterstrichen. Gott wurde als Zeuge und Bundesrichter in diesem Bund ausdrücklich erwähnt. Ihm wurde ein Opfer gebracht (1. Mose 31, 44-54).

In der Bibel findet sich auch ein Beispiel für einen Verschwörungsbund zwischen dem Priester Jojada und einigen Heerführern, bei dem der Blutsbund dazu dienen sollte, die an den Umsturzplänen beteiligten Personen so aneinander zu binden, daß sie sicher sein konnten, niemand aus den eigenen Reihen würde sie verraten. Der Bericht steht in 2. Chronik 23,1-15.

Der Bund zwischen den Gibeonitern und Josua – ein Stammesbund

Wie vorteilhaft ein Bund für einen schwächeren Stamm war, erkennen wir an dem Bundesschluß, der in Josua, 9 erzählt wird.

Die Hewiter, die in der Stadt Gibeon wohnten, fürchteten von den Israeliten als nächstes eingenommen zu werden, denn sie hatten beobachtet, wie das Volk einen Sieg nach dem anderen errang. Daher dachten sie sich eine List aus: Und sie gingen zu Josua ins Lager nach Gilgal und sagten zu ihm und zu den Männern von Israel: Aus einem fernen Land kommen wir. Nun denn, schließt mit uns einen Bund! Da sagten die Männer von Israel zu den Hewitern: Vielleicht wohnst du in meiner Mitte, und wie könnte ich da mit dir einen Bund schließen? (Josua 9,6-7)

Die Gibeoniter belogen aber Josua und gaben vor, aus einem fernen Lande zu kommen. Sie boten sich als Knechte an und erwarteten dafür, in einen schützenden Blutsbund treten zu können.

Da nahmen die Männer von ihrer Wegzehrung. Den Mund des HERRN aber befragten sie nicht. Und Josua machte Frieden mit ihnen und schloß [schnitt] mit ihnen einen Bund, sie am Leben zu lassen; und die Fürsten der Gemeinde schworen ihnen. Und es geschah nach Ablauf von drei Tagen, nachdem sie einen Bund mit ihnen geschlossen hatten, da hörten sie, daß jene aus ihrer Nähe waren und mitten unter ihnen wohnten. (Josua 9,14-16)

Aber weil sie schon in einen Blutsbund eingetreten waren, bei dem ja auch Gott als Zeuge angerufen wurde, war es für Josua nicht möglich, den Bund aufzuheben, weil ein Blutsbund zeitlich nicht begrenzt war. Durch diesen Bund entgingen die Gibeoniter nicht nur der drohenden Vernichtung, sondern sie wurden auch in das Leben des ganzen Volkes miteinbezogen auf der Grundlage ihres Bundesverlangens, nämlich als Knechte.

Und die Fürsten sagten zu ihnen: Sie sollen am Leben bleiben. Und sie wurden Holzhauer und Wasserschöpfer für die ganze Gemeinde, wie die Fürsten ihnen zugesagt hatten. (Josua 9, 21)

Sie wurden als Holzhauer und Wasserschöpfer sogar für den Dienst am Hause des Herrn eingesetzt, der ansonsten ja den Leviten vorbehalten war!

Der Freundschaftsbund zwischen David und Jonatan

Die bis jetzt aufgeführten Beispiele zeigen, daß der Blutsbund im täglichen Leben der Israeliten genauso Anwendung fand, wie es auch vom Leben anderer Völker berichtet wird. Die größten Konsequenzen im Leben eines Menschen, die sein Leben entscheidend veränderten, hatte der Blutsbund immer dann, wenn es sich um einen Freundschaftsbund handelte. Ein wunderschönes Beispiel für einen Freundschaftsbund finden wir in 1. Samuel 18,1-4 und in weiteren Kapiteln. Dieser Bund ist ein Schattenbild auf den Neuen Bund, den Gott mit uns in Jesus geschnitten hat. Deshalb werden wir ihn uns genauer ansehen.

Jonatan stammte aus dem Hause Sauls. Saul selbst war geistlich gesehen das Gegenteil von David. Saul war Gott ungehorsam gewesen und mußte damit leben, daß der Geist Gottes von ihm gewichen war. Er wußte, daß er als König verworfen war und daß Gott sich einen anderen Mann – David – erwählt hatte. Jonatan war in diesem Haus aufgewachsen. Von der natürlichen Erbfolge her gesehen war er ein Thronanwärter. Als er die Siege Davids sah, wurde sein Herz zu David hingezogen. Er wollte Davids Freund sein, nein, mehr als das: Er wollte sein Blutsbruder sein! Wir lesen:

1. Samuel 18,3-4: Und Jonatan und David schlossen [schnitten] einen Bund, weil er ihn liebhatte wie seine eigene Seele. Und Jonatan zog das Oberkleid aus, das er anhatte, und gab es David, und seinen Waffenrock und sogar sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gürtel.

Mit dieser Hingabe all dessen, was ihn schützte an David, sagte er praktisch aus: “Weil du mein Blutsbruder bist, bist du von nun an auch meine Verteidigung. Meine ganze Kraft steht dir uneingeschränkt zur Verfügung. Mein Leben gehört jetzt nicht mehr mir selbst. Es ist ganz dir hingegeben. Was mich geschützt hat, das schützt jetzt dich. Unsere Leben sind nun zu einem neuen Leben verbunden worden.”

Sicherlich wurde diese Hingabe an Kleidung und Waffen von David erwidert.

Durch den Blutsbund wurde Jonatan aus den natürlichen Blutsbanden herausgelöst. Er hatte jetzt eine Verteidigungspflicht gegenüber David. Ob er seinem Bund treu sein würde, mußte er bald beweisen. Als er hörte, daß sein Vater Saul die Absicht hatte, David zu töten, zögerte er nicht, es ihm zu verraten (1. Samuel 19, 1-4). Es gelang ihm sogar, seinen Vater von diesen Absichten abzubringen. Diese Sinnesänderung Sauls war aber nur von kurzer Dauer. Als David fürchten mußte, daß Saul es auf sein Leben abgesehen hatte, traf er sich mit Jonatan und suchte seine Bundeshilfe. Jonatan versicherte ihm, daß er ihm gegen seinen Vater beistehen werde. Beide bekräftigten den Bund noch einmal, denn Jonatan wollte sicher gehen, dass auch seine Nachkommen in das Bundesverhältnis einbezogen werden. Er ahnte schon, daß David einmal siegreich aus der Auseinandersetzung mit dem Hause Sauls hervorgehen würde. Durch die Blutsbruderschaft wollte Jonatan seine eigenen Nachkommen in diese Segenslinie Gottes einbeziehen. Auch wenn die Feinde Davids vom Erdboden vertilgt werden würden, sollte seine Nachkommenschaft, sein “Haus” gerettet werden.

1. Samuel 20, 13 – 16: Wenn es aber meinem Vater gefällt, Böses über dich zu bringen, dann werde ich es deinem Ohr enthüllen und dich ziehen lassen, daß du in Frieden weggehen kannst. Und der HERR sei mit dir, wie er mit meinem Vater gewesen ist! Und nicht nur solange ich noch lebe, und nicht nur an mir erweise die Gnade des HERRN, daß ich nicht sterbe, sondern auch meinem Haus entziehe niemals deine Gnade, auch dann nicht, wenn der HERR die Feinde Davids Mann für Mann vom Erdboden vertilgen wird!

Es vergingen einige Jahre. Die Bibel berichtet uns nichts darüber, inwieweit es David und Jonatan gelungen ist, ihre Beziehung in der Zeit der Verfolgung aufrechtzuerhalten. Das Klagelied, das David anstimmte, als er von dem Tod Sauls und Jonatans erfuhr, zeigt uns jedoch, wie tief diese Blutsbruderschaft beide auch emotional miteinander verbunden hatte.

1. Samuel 1,26: Mir ist weh um dich, mein Bruder Jonatan! Über alles lieb warst du mir. Wunderbar war mir deine Liebe, mehr als Frauenliebe.

Hier nennt David Jonatan “mein Bruder“, was noch einmal einen Hinweis darauf gibt, daß die beiden “Blutsbrüder” durch ihren Bund geworden sind.

Aus dem Hineinwirken eines Blutsbundes in das Haus des Blutsbruders wird auch zusätzlich die Achtung, die David Saul gegenüber zeigt, verständlich. Schließlich ist Saul ja Jonatans Vater! Ich könnte mir vorstellen, daß David Saul nicht nur geachtet hat, weil er der Gesalbte Gottes war, sondern auch, weil er der Vater seines Blutsbruders war.

Jonatan hinterließ einen Sohn.

2. Samuel 4,4: Und Jonatan, der Sohn Sauls, hatte einen an beiden Füßen gelähmten Sohn. Er war fünf Jahre alt, als die Nachricht von Saul und Jonatan aus Jesreel kam; da hatte ihn seine Amme aufgenommen und war geflohen. Und es geschah, als sie hastig floh, daß er hinfiel und gelähmt wurde. Und sein Name war Mefiboschet.

Als David nun König geworden war, dachte er an das, was er seinem Blutsbruder feierlich zugesagt hatte. Er ließ nach einem Nachkommens Jonatans suchen und ließ Mefiboschet, als man ihn gefunden hatte, zu sich an den Königshof holen. Mefiboschet wußte allerdings nicht, daß David ihn wegen des Blutsbundes suchen ließ. Er hatte wahrscheinlich Angst vor David, denn er gehörte ja zum Hause Sauls, das David verfolgt hatte. Jetzt mußte er sich vor Rache fürchten. Potentielle Thronanwärter wurden oft getötet. Drohte ihm ein solches Schicksal?

2. Samuel 9: 6-8: Da kam Mefiboschet, der Sohn Jonatans, des Sohnes Sauls, zu David und fiel auf sein Angesicht und warf sich nieder. Und David sagte: Mefiboschet! Er sagte: Siehe, dein Knecht. Und David sagte zu ihm: Fürchte dich nicht! Denn ich will nur Gnade an dir erweisen um deines Vaters Jonatan willen, und ich will dir alle Felder deines Vaters Saul zurückgeben; du aber sollst ständig an meinem Tisch das Brot essen. Da warf er sich nieder und sagte: Was ist dein Knecht, daß du dich einem toten Hund zugewandt hast, wie ich einer bin? Und der König rief Ziba, den Diener Sauls, und sagte zu ihm: Alles, was Saul und seinem ganzen Haus gehört hat, habe ich dem Sohn deines Herrn gegeben.

Mefiboschet bekam nicht nur sein verlorenes Erbe zurück, der Sohn Jonatans wurde von David auch in der Behandlung den Königssöhnen gleich gestellt. Er aß beständig an dem Tisch des Königs. Mefiboschet hatte nichts getan, um sich diese Stellung zu verdienen. Er war in den Genuß der Blutsbundsrechte gekommen. David blieb diesem Bund sein ganzes Leben lang treu, obwohl es noch einige Gelegenheiten gab, bei denen er seine Treue zu beweisen hatte (siehe: 2. Samuel 19,25-31 und 2. Samuel 21,6-9).

Dieser Bund bewahrte Mefiboschet letztendlich vor dem Gericht Gottes. Gott hatte nämlich eine Hungersnot über das Land kommen lassen, die schon drei Jahre gewährt hatte, als sich David schließlich entschloß, den Herrn deswegen zu suchen.

Der Herr gab ihm zur Antwort, daß dies eine Folge der Blutschuld des Hauses Saul gegen die Gibeoniter wäre. Die Gibeoniter hatten ja einen Blutsbund mit den Israeliten abgeschlossen, wie wir anfangs schon gesehen hatten. Israel hatte ihnen Schutz zugesichert, aber Saul hatte versucht, sie zu erschlagen in seinem Eifer für Israel (2.Samuel 21:1-3). Gott aber als Richter und Zeuge dieses Bundes strafte Israel für diesen Bundesbruch. David erkundigte sich nun bei den Gibeonitern, wie diese Blutschuld gesühnt werden könnte.

2. Samuel 21,4-7: Und die Gibeoniter sagten zu ihm: Wir haben kein Verlangen nach Silber und Gold von Saul und von seinem Haus, und wir haben kein Recht, jemanden in Israel zu töten. Und er sagte: Was wollt ihr denn, daß ich für euch tun soll? Da sagten sie zum König: Der Mann, der uns vernichtet hat und der gegen uns plante, daß wir ausgerottet werden sollten, so daß wir nicht mehr hätten bestehen können im ganzen Gebiet Israels – man gebe uns sieben Männer von seinen Söhnen, daß wir sie dem HERRN aufhängen bei dem Gibea Sauls,des Erwählten des HERRN. Und der König sagte: Ich will sie euch geben. Aber der König hatte Mitleid mit Mefiboschet, dem Sohn Jonatans, des Sohnes Sauls, wegen des Schwures bei dem HERRN, der zwischen ihnen war, zwischen David und Jonatan, dem Sohn Sauls.

Während sieben Söhne für die Schuld ihres Vaters büßen mußten, wurde Mefiboschet aus diesem Gericht Gottes gerettet. So weitreichende Konsequenzen hatte dieser Blutsbund! Wieviel mehr wird uns heute der Blutsbund, den Gott in Jesus mit der Menschheit schnitt, vor dem Gericht bewahren!

Welche herrlichen Vorrechte sich für uns durch diesen Bund eröffnen, sehen wir hier bereits vorgeschattet. Wir werden uns damit später noch befassen.

Ablauf einer Blutbundzeremonie

Eine genaue Rekonstruktion des Ablaufes einer Blutsbundzermonie kann man allein anhand der Bibelstellen nicht vornehmen. Der folgende Überblick ist daher ein mutmaßlicher Ablauf einer Blutsbundzeremonie bei den Hebräern, so wie er sich aus der Bibel und der Kenntnis des Ritus bei anderen Völkern rekonstruieren läßt:

  1. Die Bündnispartner kommen zusammen, um die Art des Bundes, den sie schließen wollen, zu besprechen. Der Bundesinhalt wird festgelegt und gegebenenfalls auch schriftlich dokumentiert.
  2. Geschenke werden ausgetauscht, bis hin zum Tausch von Waffen und Bekleidung.
  3. Der Bund wird geschnitten. Durch den Akt des Bundesschneidens wird ein gemeinsames Blutsband hergestellt: eine Einheit des Blutes und des Lebens.
  4. Das Ablegen des Bundesschwurs. Bei den Hebräern scheint es üblich gewesen zu sein, dabei zwischen den Hälften eines zerteilten Tieres hindurchzuschreiten (siehe Jeremia 34:18). Eventuell hat das zerteilte Tier, dessen Blut ausfloß, dabei die Rolle des Stellvertreters eingenommen, um so die Vereinigung in einem Blut darzustellen. Das zerteilte Tier kann auch die Todesstrafe symbolisiert haben, die auf dem Bundesbruch stand.
  5. Der Bund wird versiegelt. Das Siegel des Bundes wird dadurch hergestellt, daß Salz o.ä. in der Wunde verrieben wird und somit ein bleibendes Zeichen im Fleisch entsteht.
  6. Andere Erinnerungszeichen werden hergestellt: Ein Steinhaufen wird aufgerichtet oder ein großer Gedenkstein, auf dem auch die Bundesverabredungen stehen können. Ein Baum wird gepflanzt. Teile der Bundesvereinbarung werden in einem Kästchen eingeschlossen, oder in eine Lederhülle eingenäht, damit sie am Körper getragen werden können, z.B. am Arm oder um den Hals.
  7. Die Segnungen, die der Bund beinhaltet, werden laut ausgerufen. Die Flüche, die der Übertretung folgen sollen, ebenfalls.
  8. Manchmal nimmt der Bundespartner als bleibendes Zeichen eine Veränderung seines Namens vor. Er erweitert seinen Namen um den Namen des Bundespartners oder um Teile davon, so daß aus zwei Namen ein gemeinsamer, neuer Name entsteht. Mit der Veränderung seines Namens zeigte der Namensträger die Veränderung seines Lebens an, denn der Name steht für die ganze Person.
  9. Oftmals wird der Bund “vor dem Herrn” geschlossen. Gott wird dadurch in den Bund als Richter mit einbezogen.
  10. Die Bundespartner bekräftigen abschließend ihre neu gewonnene Einheit durch ein Bundesmahl.

Die weiteren Kapitel sind nachzulesen in:

Rosemarie Stresemann: »Mit Gott verBUNDen«
Biblische Studien und Erfahrungen zum Thema Blutsbund

Ernst Franz Verlag, Metzingen
ISBN-Nr.: 3-7722-0321-0

Mehr zum Buch und Bestellmöglichkeiten unter »Bücher«

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