Kapitel 2

Blutsbundriten der Völker

Bei den Völkern der Welt ist der Blutsbund die älteste und heiligste Art eines möglichen Bundesschlusses, dessen zeitlicher Ursprung nicht festzustellen ist. Der Bund selber aber ist bei vielen Volksstämmen an unterschiedlichen Orten auf der Erde beobachtet worden.

Missionare sind bei ihren Bemühungen, unerreichten Volksstämmen das Evangelium zu verkündigen, immer wieder mit dem Blutsbund konfrontiert worden. Einige haben auch selber diesen Bund geschnitten, um überhaupt einen Zugang zu dem Volksstamm zu bekommen. Viele Berichte, die Trumbull in seinem Buch zusammengestellt hat, stammen von Missionaren des vorigen Jahrhunderts und bezeugen, daß der Blutsbund bis zu diesem Zeitpunkt noch praktiziert wurde.

Das Verständnis, das jedem Blutsbund zugrunde liegt, ist genau dasselbe, das uns auch in der Bibel offenbart wird: Die Seele des Fleisches ist im Blut. (3. Mose 17, 11;14)

Bei einem Blutsbund verbinden sich zwei Menschen durch das gegenseitige Konsumieren des Blutes des Bundespartners oder durch das Vermengen ihres Blutes in einem besonderen Bundesritus so miteinander, daß ihre Seelen (= ihr Leben) zu einem einzigen, neuen Leben verbunden werden. Ein so gewonnener »Blutsbruder« oder »Blutsfreund« wie er auch genannt wird, steht in anderer Beziehung als ein leiblicher Bruder. Ein Blutsbund ist daher auch unauflöslich.

Bevor wir uns eingehender mit den verschiedenen Aspekten eines solchen Bundes befassen, sollen ein paar Beispiele, wie dieser Bund auf verschiedenen Erdteilen geschnitten wird, die Vorstellung erleichtern.

Trumbull wurde von einem Syrer Folgendes über eine Blutsbundzeremonie in einem libanesischem Dorf berichtet:

Zwei junge Männer, die sich schon lange Zeit gut gekannt hatten, wollten „Bruder-Freunde“ werden, indem sie in einen Blutsbund traten. Sie riefen ihre Verwandten und Freunde zusammen, damit diese Zeugen für den Bund würden. Dann verkündeten die beiden Männer öffentlich, warum sie in solch eine Verbindung treten wollten und was sie damit beabsichtigten. Diese Erklärung wurde zweifach niedergeschrieben, damit jeder von ihnen eine Ausfertigung bekommen konnte. Sie wurde von den Männern und von mehreren Zeugen unterschrieben. Danach öffnete einer der beiden Freunde mit einem scharfen Messer eine Vene im Arm des anderen Mannes. Durch ein Röhrchen saugte er das herausquellende Blut. Die Schneide des Messers wurde nun auf der Bundeserklärung abgewischt, damit auch auf diesem Dokument Spuren des Bundesblutes sichtbar zurückbleiben würden. Genauso verfuhr nun der Bundespartner, dem das Messer als nächstes gereicht wurde. Gott wurde als Zeuge des Bundes angerufen, der Bund wurde damit unter die Aufsicht Gottes gestellt, in der Erwartung, daß Gott einen Bundesbruch strafen würde. Jede der blutsgezeichneten Bundeserklärungen wurde nun sorgfältig gefaltet und in einer kleinen Ledertasche vernäht. Von nun an würde jeder Bundespartner dieses Ledertäschen entweder um den Hals tragen oder sich um den Arm binden – für jedermann ein sichtbares Zeichen dieses unauflöslichen Bundes.

Auf arabisch nennt man diesen Bund „M`âhadat ed-Dam“, was „Blutsbund“ bedeutet. Die Menschen, die sich so verbunden haben, heißen „Brüder des Bundes“. In Syrien wird diese Art einen Bund zu schließen ein „primitiver Ritus“ genannt, womit angezeigt wird, daß der Ursprung dieses Ritus sehr alt sein muß.

Für uns erscheint die Vorstellung, Blut eines anderen Menschen zu trinken „barbarisch“. In einem Blutsbund geht es jedoch nicht darum, irgendwelche perversen Gelüste zu erfüllen. Wenn wir verstehen wollen, warum bei einem Blutsbund das Blut des Bundespartners konsumiert wird, müssen wir uns das Verständnis von der Eigenschaft des Blutes, nämlich, daß im Blut das Leben ist, unbedingt vergegenwärtigen. Es geht um die Aufnahme des Lebens. Wenn mein Leben, die Seele, im Blut ist, dann bewirkt eine Vermengung des Blutes gleichzeitig eine unauflösliche Verbindung. Wer einen Blutsfreund hatte, besaß quasi ein doppeltes Leben, das in zwei Körpern gelebt wurde. Welche weitreichenden Konsequenzen ein Blutsbund für das Leben der Bundespartner hatte, werden wir noch sehen. Diese „primitive“ Vorstellung über das Blut ist für uns in der heutigen Zeit schwer nachzuvollziehen. Wir können Blut nicht mehr als Ausdruck des ganzen Lebens verstehen, so wie es die Menschen früher taten. Um die Bedeutung eines Blutsbundes zu begreifen, brauchen wir aber diese biblische Sicht

Nicht bei allen bezeugten Blutsbundriten auf der Welt wird das Blut, wie in dem obigen Beispiel geschildert, getrunken. Manchmal wird es mit Wasser vermischt und dann getrunken. Statt Wasser wird auch mancherorts Wein gebraucht. Eine der häufigsten Methoden aber ist die Vermischung des Blutes, indem die Schnittstellen aneinandergerieben werden.

Ein anderes Beispiel aus Afrika:

Stanley, der den Missionar und Afrikaforscher Dr. Livingstone, der in Afrika lange Zeit verschollen war, aufspürte und der später selber eine Afrikaforschungsreise unternahm, berichtete von dieser zweiten Reise, daß er viele Male einen Blutsbund mit afrikanischen Stammesvertretern geschlossen hat. Das war teilweise der einzige Weg, auf dem er in Afrika überleben konnte und der ihm Zugang zu vielen Stammesgebieten eröffnete.

Wenn zwei Stämme miteinander in einen Bund treten wollten, war es nicht notwendig, daß alle Stammesmitglieder den Bundesritus vollzogen, sondern ein Vertreter wurde von jeder Seite ausgewählt. Dieser Vertreter galt dann als Repräsentant, durch dessen Blutsbund der ganze Stamm mitgebunden war. Dieses wichtige Prinzip des »Bundesrepräsentanten« findet sich bei allen Volksstämmen der Welt, die diese Bundesart praktizieren, wieder.

Kommandant Cameron von der britischen Suchexpedition, die unabhängig von Stanley auch den verschollenen Livingstone aufspüren sollte, berichtete von eigenen Beobachtungen dieses Ritus. Cameron trat durch seinen afrikanischen Diener Syde, der sein Repräsentant wurde, in den Blutsbund mit einem afrikanischen Stammeshäuptling namens Pakwanya. Bei dieser Zeremonie wurden zuerst Geschenke ausgetauscht. Zwei zuvor bestimmten Zeugen führten daraufhin Schnitte in die Handgelenke der Bundespartner aus. Das Blut, das auf die Schneide floß, wurde aufgenommen und mit dem Blut, das aus der Schnitttwunde des Bundespartners quoll, vermengt. Nun wurde Schießpulver in den Wunden verrieben, damit ein bleibendes Erinnerungszeichen im Fleisch entstehen würde. Die beiden Zeugen nahmen schließlich 2 Schwerter, die sie aneinander schärften und dazu die schrecklichsten Flüche über den Bundespartnern aussprachen. Diese Flüche bezogen nicht nur diese selber ein, sondern auch alle Nachkommen und Verwandten der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie sollten wirksam werden, wenn der Bund in Worten, Gedanken oder Taten gebrochen werden würde.

Trumbull bringt in seinem Buch Beispiele für Blutsbundriten aus verschiedenen Erdteilen, wie z.B. bei den Indianern Nord- und Südamerikas, den Bewohnern der Südseeinseln, aus Afrika, Skandinavien und Europa. Der Blutsbund war auch bei verschiedenen germanischen Stämmen bekannt.

Für die semitischen Volksstämme, besonders die Araber, gibt es schriftliche Zeugnisse von dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot über diesen Bund, die bis ins 5.Jh.v.Chr. zurückreichen.

Während die ursprüngliche Art, einen Blutsbund zu schließen, aus den oben erwähnten Beispielen zu ersehen ist, läßt sich auch ein Ritus nachweisen, bei dem das Eigenblut durch das Blut eines Tieropfers ersetzt wird. Das Blut des Tieres fließt dabei stellvertretend für das der Bundespartner. Die Bundespartner werden dann entweder mit dem Tierblut während der Bundeszeremonie besprengt, oder tauchen ihre Schwerter in das Blut ein, o.ä. In jedem Fall ist der entscheidende Bestandteil, der den Bund besiegelt, das Blut. Das Schneiden des Bundes dient in jedem Fall dazu, das verbindende Blut hervorquellen zu lassen. Der Schnitt kann also bei den Bundespartnern oder bei dem stellvertretenden Opfer geschehen.

Ein anderer Ersatz ist Wein. Um einen Blutsbund zu schließen, so haben wir oben schon gesehen, konnte das Blut auch mit Wasser oder Wein vermischt getrunken werden. Andererseits gibt es auch Bundesschlüsse, bei denen nur noch Wein verwandt wird. Der Wein wird dann von den Bundespartnern gemeinsam aus einem Becher getrunken.

Teilweise findet diese Art noch bei verschiedenen Hochzeitszeremonien bis in unsere Tage statt, ohne daß bei der Durchführung noch das Verständnis eines Blutsbundes vorhanden ist.

Anlässe für einen Bundesschluß

Es gab im allgemeinen vier unterschiedliche Gründe, die Menschen bewogen, einen Blutsbund zu schließen:

1. Freundschaft

Wenn zwei Menschen sich so sehr liebten, daß sie das Bedürfnis hatten, ihre Freundschaft zu vertiefen, traten sie in einen Blutsbund ein.

2. Finstere Pläne

Zur Absicherung von geheimen Plänen, wie z.B. eines Staatsumsturzes, bedienten sich die Anführer gerne des Blutsbundes. Dadurch erreichten sie eine maximale Sicherheit, nicht verraten zu werden.

In der heutigen Zeit findet man diese Art der Bundesschließung z.B. noch bei der Mafia oder ähnlichen Geheimbünden, wie den chinesischen Triaden. Auch in okkulten Kreisen ist der Blutsbund immer noch das wirksamste Mittel, um Menschen an satanische Absichten zu binden (siehe Faust, Goethe). Selbst ganze Länder wurden dadurch an Satan gebunden.

3. Frieden

Sehr oft diente der Blutsbund dazu, Streitigkeiten zu beenden.

Er besiegelte Friedensschlüsse zwischen Stämmen. Er sicherte schwächeren Stämmen den Schutz zu, wenn sie sich so mit einem stärkeren verbündeten.

Er schuf Rechtssicherheit zwischen verfeindeten Familien.

In einer Gesellschaft, die kein übergeordnetes Rechtssystem kannte, sicherte solch ein Bund, der ja meist vor einer richtenden Gottheit geschlossen wurde, auf optimale Art den ausgehandelten Vertrag ab.

4. Geschäfte

Das oben Gesagte gilt auch für den Geschäftsbereich.

Wer sicher gehen wollte, daß sein Geschäftspartner ihn nicht betrügen würde, trat mit ihm in einen Blutsbund ein.

Nicht jeder Bund diente also den gleichen Absichten. Neben Rechten und Pflichten, die gesondert ausgehandelt werden konnten und dann Bestandteil einer Bundeserklärung oder eines Bundesbuches wurden, gab es allgemeine Konsequenzen, die nicht jedesmal neu festgelegt werden mußten, weil jeder wußte, was für grundsätzliche Folgen ein Blutsbund haben würde.

Rechte und Pflichten

  1. Der Bund war unauflöslich.
  2. Er löste den Einzelnen aus seinen Stammesverbindungen heraus und stand damit über den natürlichen Blutsbanden. Wenn zwei Menschen aus verschiedenen Stämmen sich verbanden, dann entstand quasi ein „neuer Mensch“. Ein Blutsbruder hatte z.B. die Pflicht, seinen Freund aus einem anderen Stamm zu warnen, wenn der eigene Stamm einen feindlichen Angriff plante.
  3. Traten zwei Familien oder zwei Stämme in solch einen Bund ein, dann wurde der Bundesschluß durch einen Repräsentanten vollzogen. Durch ihn wurde das „ganze Haus“ und oft auch nachfolgende Generationen in den Bund eingeschlossen.
  4. Ein Mensch, der in den Blutsbund getreten war, gehörte nicht mehr sich selbst. Er lebte ein gemeinsames Leben in zwei Körpern. Er hatte gewissermaßen zwei Leben, da der Partner einen Teil seines Lebens mittrug. Daraus erfolgte eine absolute Verteidigungspflicht. Bei Gefahr für Leib und Leben konnte man sich auf den Schutz durch die Macht, die dem Partner zur Verfügung stand, verlassen. Ebenso hatte der Blutsbruder Verfügungsrechte über den gesamten Besitz seines Partners. Wenn er in Not war, stand ihm eine wunderbare Hilfe zu. Diese materielle Verfügbarkeit trat in jedem Fall bei einem Freundschaftsbund ein. Wurde der Bund aus anderen Gründen geschlossen, dann begrenzte der Bundeszweck und die Bundesverpflichtungen die Partner.
  5. Wenn ein Bundespartner starb, hatte der andere weitreichende Versorgungspflichten für die hinterbliebenen Nachkommen.
  6. In manchen Stämmen wurden sogar die Ehefrauen nicht von der Gemeinsamkeit ausgeschlossen. Heirat zwischen Söhnen und Töchtern von Blutsfreunden galt dann allerdings auch als Inzest und war verboten!

Die bei einer Bundesschließung ausgesprochenen Segnungen enthielten oft die Schilderung der obigen Vorteile, sowie anderer ausgehandelter Bundesabsichten.

Die Flüche sorgten dafür, daß die Unauflöslichkeit des Bundes gewahrt wurde. Sie enthielten die entsetzlichsten Bedrohungen für das eigene Leben, wie auch das möglicher Nachkommen.

Was auch immer die Bundesabsicht war, so schaffte der Blutsbund zunächst die Grundlage durch die gemeinsame Verbindung des Lebens. Alle anderen ausgehandelten Absichten oder Verpflichtungen, die durch einen Schwur oder Eid bekräftigt wurden, bedurften dieser sicheren Grundlage. Ohne die Sicherheit eines gemeinsamen Blutsbandes konnten bei Stammesgesellschaften, die die Blutsbanden als die entscheidende gesellschaftliche Grundlagen ansahen, keine verläßlichen Verträge geschlossen werden.

Weiter zu Kapitel 3: Der Blutsbund zwischen Menschen in der Bibel

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