Einleitung

Einleitung

Ich war ungefähr 10 oder 11 Jahre alt, als ich meine erste Erfahrung mit dem Thema Blutsbund machte. Ich hatte damals schon etliche Karl-May-Bücher gelesen und war sehr beeindruckt von dem Blutsbund, den Winnetou mit Old Shatterhand geschlossen hatte. Die Art von Freundschaft, die durch diesen Bund ausgedrückt wurde, erschien mir weit mehr, als alles, was ich an Freundschaftsbeziehungen in meiner Umgebung bis dahin beobachten konnte. Ein Blutsbruder war wohl ein Freund, aber wiederum auch mehr als das. Die Einheit des Lebens, die durch einen Blutsbund entstand, war höher als die natürlichen Familienbanden.

Der gesamte Ritus faszinierte mich. Ich wollte auch einen Blutsbruder haben! Da ich zu der damaligen Zeit keinen anderen greifbaren Spielgefährten als meinen eigenen Bruder hatte, überredete ich ihn, mit mir Blutsbruderschaft zu schließen. Mein Bruder las zwar nicht so gerne wie ich, aber sein Leseinteresse hatte für ein paar Karl-May-Bände ausgereicht. Er wußte also, um was es sich handeln würde und war von der Vorstellung begeistert. Ein Schnitt in den Unterarm nahe am Handgelenk mußte gemacht werden, und dann sollte unser Blut zusammenfließen! Das war aber nicht so einfach, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich war nämlich nicht Winnetou, der keinen Schmerz kannte! Mir selber einen Schnitt beizubringen, dazu war ich zu feige. Während bei meinem Bruder schon das Blut floß (ich weiß gar nicht, mit welchem Werkzeug er das vollbracht hatte), ritzte ich mit einem Stein vorsichtig an meiner Haut in der Hoffnung, daß irgendwann doch Blut sichtbar werden würde.

Ich mußte eine ziemliche Weile ritzen. Richtig geblutet hat es dann auch noch nicht, aber mein Bruder war es zufrieden; und so kreuzten wir unsere Arme und vermengten das bißchen Blut. Jetzt hatte ich nicht nur einen natürlichen Bruder, sondern auch einen Blutsbruder!

Der Blutsbund, den ich mit meinem Bruder geschlossen hatte, hatte allerdings keine bleibenden Auswirkungen auf unsere Beziehung, die, wie die meisten geschwisterlichen Beziehungen, recht spannungsreich war. Obwohl ich vieles aus meiner Kindheit vergessen habe, ist mir diese Szene doch noch lebhaft im Gedächtnis geblieben. Daß das Thema „Blutsbruderschaft“ eines Tages eine lebensverändernde Bedeutung für mich haben würde, konnte ich damals noch nicht ahnen!

Mit 24 Jahren trat ich in den Neuen Bund ein, den Gott mit der Menschheit durch Jesus Christus gemacht hat. Meine Entscheidung wurde in den christlichen Kreisen, zu denen ich gehörte, „Bekehrung“ genannt oder „zum Glauben an Jesus kommen“. Das war im Jahr 1974. Die Jesus-People-Bewegung war schon am Abebben; und vor mir waren schon viele, die oft nie etwas mit Kirche vorher zu tun gehabt hatten, „zum Glauben gekommen“. Daß ich aber dabei eigentlich in einen Bund mit dem lebendigen Gott eintreten würde, hatte mir niemand erklärt.

In allen Jahren, die darauf folgten, lernte ich viel christliches Vokabular, darunter auch Begriffe, die so nicht in der Bibel zu finden waren. Einen Begriff, der sehr häufig in der Bibel auftaucht, wurde in diesem Wortschatz nicht gebraucht, ja, es schien so, als hätte er mit meinem christlichen Leben gar nichts zu tun, nämlich: der Bund.

Ich las in einem Buch, das sich in „Altes Testament“ und „Neues Testament“ aufteilte, und schon das Wort „Testament“ verhinderte meine Erkenntnis, daß ich in einem Bundesbuch las. Der erste Teil dieses Buches handelte von dem Alten Bund und der zweite Teil von dem Neuen Bund.

Der gesellschaftliche Hintergrund des 20. Jahrhunderts half mir allerdings kaum, den Begriff „Bund“ mit Bedeutung zu füllen. Der Begriff „Testament“ ist uns vertrauter. Ein „Testament“ wird ja auch noch im 20. Jh. aufgesetzt, um finanzielle Angelegenheiten zu regeln. In welchem Zusammenhang begegnet uns aber heute das Wort „Bund“? Wer schließt denn noch im täglichen Leben einen Bund? Gelegentlich wird das Wort noch mit Ehe in Verbindung gebracht. Wer heiratet, sagt manchmal: „Wir treten in den Bund der Ehe“. Dabei klingt das Wort Bund wie eine poetische Ausschmückung des Wortes Ehe. Die Ehe jedoch, so wie sie heute gelebt wird, ist kein gutes Beispiel für das, was in den Zeiten Jesu und in den biblischen Zeiten davor unter „Bund“ verstanden wurde.

Dann begegnet uns dieser Begriff noch reichlich reduziert in Worten wie „Naturschutzbund“. Dieser Zusammenhang hilft uns auch nicht weiter.

Im letzten Jahrhundert kam in der Theologie die Erkenntnis auf, daß zu einem richtigen Verständnis der Bibel auch das Verständnis der Lebensumstände der Menschen in biblischer Zeit gehört. Die Aussagen der Bibel lassen sich leicht mißinterpretieren, wenn sie nur mit dem Erfahrungshintergrund eines Menschen des 20. Jh. gelesen werden. Für uns muß vieles erklärt werden, was für den Menschen in biblischen Zeiten Lebensgewohnheit war. Ein einfaches Beispiel dafür sind Maßeinheiten und Gewichte.

Das Gleichnis Jesu von den „Talenten“ (Mth. 25, 14 – 30 Elberfelder Übersetzung) spricht von Gewichtseinheiten, die einer bestimmten Geldsumme entsprachen. Wir hören aber sofort die übertragene Bedeutung heraus, weil es das Wort Talent in der Bedeutung „Gewichtseinheit“ gar nicht mehr in unserem Sprachschatz gibt. Ein Talent ist für uns sofort eine menschliche Begabung. Die Zuhörer zur Zeit Jesu aber hörten nicht „Begabung“, sondern sie hörten „Geldsumme“.

Was hörten wohl die Israeliten, wenn von „Bund“ gesprochen wurde?

Schon allein die Tatsache, daß das hebräische Wort „berith“, das in der Bibel mit „Bund“ übersetzt wird, eine Ableitung von einem Verb ist, das „schneiden“ bedeutet, macht stutzig. Wieso „schneiden“? Was wird denn da geschnitten? Im Hebräischen steht auch nicht „ein Bund wird geschlossen“, sondern „ein Bund wird geschnitten“ (z.B. 2. Mose 34, 27).

Mit solchen Fragen kommen wir aber schon an das Ende unseres Erfahrungshorizontes. Daß der Ausdruck „einen Bund schneiden“ eine Handlung umfaßt, die völkerkundlich bei vielen verschiedenen Volksstämmen rund um den Globus unter dem Begriff „Blutsbund“ oder „Blutsfreundschaft“ nachgewiesen ist, erfuhr ich zum ersten Mal einige Jahre nach meinem Eintritt in den Neuen Bund durch Lehrkassetten von Malcom Smith. Diese Lehrserie eröffnete mir ein völlig neues Verständnis von „Bund“. Meine Beziehung zu Gott veränderte sich dadurch entscheidend. Dennoch hatte ich erst sehr wenig wirklich verstanden. Über vieles dachte ich in den kommenden Jahren immer wieder nach. Als ich für ein paar Wochen auf der Bibelschule von „Christ for the Nations“ in Dallas, Texas war, wurde ich durch eine Lehreinheit über Israel wieder ganz neu mit dem Thema konfrontiert. In der Bibliothek stieß ich unter dem englischen Schlagwort „covenant“ auf das Buch von H. Clay Trumbull: „The Blood Covenant“ („Der Blutsbund“),das leider nicht in deutscher Übersetzung vorliegt.

Trumbull untersuchte Ende des 19. Jh. vorhandene Berichte über die Blutsbundriten bei den verschiedensten Volksstämmen der Welt, um dadurch eine bessere Grundlage für das Bundesverständnis der Völker in biblischen Zeiten zu erlangen. Seine Forschungsergebnisse und Schlüsse daraus in bezug auf den Alten und Neuen Bund, den Gott geschnitten hat, benutzte der Heilige Geist, um mich in eine vertiefte Bundesbeziehung zu führen.

In Psalm 25,14 heißt es in der Lutherübersetzung: Der Herr ist denen Freund, die ihn fürchten; und seinen Bund läßt er sie wissen.

Und in der Einheitsübersetzung: Die sind Vertraute des Herrn, die ihn fürchten; er weiht sie ein in seinen Bund.

In diesem Wort wird etwas ausgedrückt von dem Geheimnis, das im Bund verborgen ist, und dessen Verständnis nur durch Gottes Geist vermittelt werden kann. Unsere Erkenntnis ist allerdings nach den Aussagen der Heiligen Schrift nur Stückwerk. Aber wenn jeder Gläubige sein Stückwerk einbringt, dann entsteht ein immer deutlicheres Bild von der Herrlichkeit Gottes in Christus Jesus. Daher entdecken wir immer wieder Neues, je nachdem, aus welchem Blickwinkel wir gerade auf Gott durch Jesus Christus schauen. Wir entdecken ihn als König aller Könige, als Richter der Welt, als Freund der Menschen, als Leidender usw.. Mit jedem Blickwinkel nehmen wir jedoch nur einen Teil wahr, von dem wir begeistert sind. Manchmal vergessen wir darüber, daß es noch andere Sichtweisen gibt und lernen dann nur sehr wenig von Gott kennen. Gott als Bundespartner und Jesus als Blutsbruder – das sind neue Sichtweisen, die ich gewonnen habe und versuche, in diesem Buch zu vermitteln. Es ist nicht als religionswissenschaftliche Abhandlung geschrieben, sondern soll dem Leser helfen, Jesus besser kennenzulernen und sicherer zu werden in der Beziehung zu ihm, indem er den Bund verstehen lernt, in welchem er lebt.

Weiter zu Kapitel 1: »karath berith« – einen Bund schneiden

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Responses

  1. Danke Rosemarie, ich freue mich richtig darauf dein Buch über den Bund zu lesen! Seit einiger Zeit spüre ich dieses Verlangen in mir, tiefer zu verstehen, was der Neue Bund, in dem ich jetzt durch JESUS mit Gott bin, wirklich bedeutet. Ja, und so bin ich doch sehr gespannt, welche Schätze sich da auftun….Lg, Carola

    • Liebe Carola,
      das freut mich sehr. Ich kann dir auch die Bearbeitung als Quadro sehr empfehlen


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